Demokratisches Engagement beginnt im Alltag
„Zwickau ist meine Hölle, Zwickau ist meine Heimat“, mit diesen Worten schließt der Autor Jakob Springfeld seine Lesung im Matthias-Claudius-Gymnasium in Gehrden. Er hat von seinem jahrelangen Protest gegen die rechtsextreme Szene berichtet, persönlich und eindrücklich.

Die 180 Schülerinnen und Schüler haben ihm aufmerksam gelauscht, dann herrscht Stille und schließlich gibt es großen Beifall für den jungen Autor. Gerade 24 Jahre alt ist er und beschreibt intensiv, wie er sich mit anderen jungen Menschen gegen die Umtriebe von Neonazis in seiner Heimatstadt gestellt hat. Auslöser für sein Engagement waren die von rechtsextremen Gruppen organisierten sogenannten „Spaziergänge“ in seiner Heimatstadt mit denen Hass gegenüber Geflüchteten geschürt werden sollte. Springfeld, der mit einem gleichaltrigen Afghanen befreundet war, spürte unmittelbar, wie Menschen abgewertet und diskriminiert wurden. Er setzte sich fortan für Geflüchtete ein, erinnerte an die Taten der in Zwickau ansässigen Rechtsterroristen des NSU und unterstützte die Klimaschutzaktivitäten seiner Generation. Die Folgen sind seitdem Drohungen, Verfolgungen und körperliche Angriffe durch Neonazis in seiner Heimatstadt, die er ebenfalls in seinem Buch mit dem Titel „Unter Nazis“ beschreibt.

Die Idee zur Lesung kam von der Initiative für Demokratie in Gehrden und den Omas gegen Rechts in Barsinghausen. Gemeinsam gelang es, Springfeld für eine Lesung mit Diskussion in Gehrden und Barsinghausen zu gewinnen. Die Schulleitung des MCG und der Verein der Eltern und Freunde unterstützten das Vorhaben in Gehrden. „Uns hat beeindruckt, dass er als Jugendlicher und nun als junger Erwachsener die Augen aufmacht für das, was in seiner Umgebung geschieht. Er schaut hin, wenn Menschen beleidigt und benachteiligt werden, wenn Menschen nach ihrer Herkunft oder ihrer sozialen Lage in Gute und Schlechte unterteilt werden und wenn Gewalt in Sprache und Taten um sich greift,“ erläutert Barbara Mussack von der Initiative.
Auch Schulleiter Christian Schmidt lobt die gelungene Veranstaltung: „Die Lesung von Jakob Springfeld war für unsere Schülerinnen und Schüler eine eindrucksvolle und wichtige Erfahrung. Sie hat gezeigt, dass Demokratie nicht abstrakt ist, sondern im Alltag beginnt – dort, wo Menschen hinschauen, Haltung zeigen und Verantwortung übernehmen. Als Schule ist es unser Auftrag, junge Menschen zu ermutigen, sich einzumischen, respektvoll zu streiten und für die Werte unserer freiheitlichen Gesellschaft einzustehen. Die große Aufmerksamkeit und die engagierten Fragen der Jugendlichen machen Mut und zeigen, wie wichtig solche Begegnungen für die politische Bildung und das gesellschaftliche Engagement sind.“
Viele Fragen richteten die Schülerinnen und Schüler des 11. und 12. Jahrgangs in der Diskussionszeit an den Autor und sie brachten auch eigene Erfahrungen ein: Die Besorgnis zum Beispiel, wenn sich Freunde auf sozialen Netzwerken nur noch in Verschwörungswelten bewegten. Oder wie es sich anfühlt, immer wieder Blicken ausgesetzt zu sein, weil man selbst von der Norm abweicht.
Auch Ideen zur Stärkung demokratischen Bewusstseins kamen zur Sprache. So sollten Kinder und Jugendliche in Schulen stärker mitbestimmen dürfen um demokratische Debatten und den Umgang mit gegensätzlichen Meinungen üben zu können, lautete ein Vorschlag.
Viele Schülerinnen und Schüler zeigen sich beeindruckt von den persönlichen Erfahrungen des jungen Autors und den schlimmen Erfahrungen mit Rechtsextremisten. Sie fragen, ob er sich wieder engagieren würde, hätte er die Folgen gekannt. „Ja, auf jeden Fall, sonst würde ich mich ohnmächtig fühlen. Das wäre schlimmer.“ Orte für Engagement gebe es viele, sei es bei der Feuerwehr, im Verein, bei der Tafel. Wichtig sei nur den Mund aufzumachen, wenn Menschen herabgesetzt würden, formulierte er seine Empfehlung.

